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Kennen sich mit Ethik aus: Die Professor:innen Mirjam Zimmermann und Frank Mathwig. Foto: Uta Garbisch

Tag des RU: Christliche Ethik und ethische Bildung – Wie geht das?

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Was ist das Gute? Und wie gewinnen wir Orientierung nicht nur in Zeiten des Krieges? Diesem aktuellen Thema widmete sich der diesjährige Tag des Religionsunterrichts in Bonn. Am Vormittag gab es dazu zwei Impulse, am Nachmittag konnten 80 Lehrerinnen und Lehrer das Thema in Workshops vertiefen.

Weltbilder hinterfragen

In das Selbstverständnis christlicher Ethik als theologische Disziplin führte Prof. Dr. Frank Mathwig ein. Der Berner Professor für Ethik plädierte für eine Ethik des Fragmentarischen, des Dazwischen oder auch des Sampling wie in der Popmusik. Diese rechnet damit, dass die Wirklichkeit in jedem Moment eine andere sein könnte. Sie setzt sogar darauf. Und in jeder Begegnung konstituiert sich der Mensch neu. „Damit ändern sich notwendig die ethischen Fragen“, so der reformierte Theologe.

Christliche Ethik heißt auch, Weltbilder zu hinterfragen: Frank Mathwig. Foto: Uta Garbisch

Mit Blick auf die biblischen Geschichten ginge es dann darum, diese zu „bewohnen“, in die Stories einzutreten und die eigene Lebenswelt als Fortsetzung dieser Geschichten zu begreifen. Dieser „Entdeckungszusammenhang“ funktioniert aber nicht aus der reinen Beobachterperspektive: „Wer etwas entdecken will, muss dorthin gehen, wo etwas los ist.“ Dort könne man dann entdecken, „dass die Strategien und Wege, die das Problem verursacht haben, die falschen sind, um sie zu lösen“. So könne das Problem militärischer Gewalt nicht mit noch mehr militärischer Gewalt gelöst werden. Oder dass die Waffen der Angriffsopfer nicht weniger tödlich sind, als die Waffen der Angreifer. Es sei also „das Wesentliche einer christlichen Ethik, immer wieder die Weltbilder zu hinterfragen“, so Mathwig.

Narrative Ethik: Wer liest, lebt doppelt

Wie geht ethische Bildung angesichts globaler Krisen heute? Dieser Frage widmete sich Prof. Dr. Mirjam Zimmermann. Alle fragen, nicht nur in der Schule: Was sollen wir tun, was sollen wir lassen? Die Religionspädagogin von der Universität Siegen plädiert für das Modell einer „narrativen Ethik“. Es gehe darum, das Erlernen von Handeln in den Fokus zu stellen. Und nannte drei Beispiele, die sich bereits in ihrer Praxis als Lehrerin bewährt haben: Sozialpraktika für Schülerinnen und Schüler, wo sie im Altenheim oder bei der örtlichen Tafel das eigene soziale Handeln erproben könnten.

Setzt auf Literatur im Unterricht: Mirjam Zimmermann. Foto: Uta Garbisch

Oder das Projekt „Local Heroes“ aus Passau. Es gibt überall Heldinnen und Helden des Alltags. Sie bekommen ein Gesicht, wenn man sie in den Unterricht einlädt. „Das sind die narrativ dichten Momente, wenn da einer steht und erzählt.“ Zudem könne Mitgefühl über Bücher erlernt werden. Zum Beispiel durch Passagen aus dem gerade veröffentlichten Tagebuch des jungen ukrainischen Mädchens Yeva. Oder ein preisgekrönter Roman über das Leben von Kindern in Südamerika. Zimmermann: „Literarisch kann ich eintauchen. Und die Literatur verändert mich selbst. Meine Meinung: Wer liest, lebt doppelt.“

Frieden lernen

In drei schulspezifischen Workshops vertieften die Lehrerinnen und Lehrer das Thema. Unter der Überschrift „Mitmenschlichkeit lernen“ stellten die Schulreferentinnen Beate Sträter und Hiltrud Stärk-Lemaire Unterrichtsideen und innovatives Unterrichtsmaterial für die Primarstufe zu diesem auch interreligiös verbindenden Thema vor. „Friedensethik konkret“ hieß es bei Prof. Dr. Mirjam Zimmermann. Sie stellte Unterrichtseinheiten für die Sekundarstufe I zum Thema „Gewalt, Krieg und Frieden“ vor und erprobte sie exemplarisch mit den Lehrkräften. „Frieden lernen an Schmerzpunkten und Kraftorten“ war das Thema von Prof. Dr. Ulrike Baumann. Sie erläuterte wie sich Gedenkstätten als außerschulische Lernorte für die Sekundarstufe II nutzen lassen.

Die Mediothek des Schulreferats hat einiges im Angebot. Foto: Uta Garbisch

Der Tag des Religionsunterrichts findet alljährlich und nun schon zum 25. Mal am Buß- und Bettag unter der Regie der Schulreferentinnen Beate Sträter und Hiltrud Stärk-Lemaire zu einem Schwerpunktthema statt. Der ganztätige Termin mit vielen Angeboten der Mediothek ist Treffpunkt der evangelischen Religionslehrkräfte an den allgemeinbildenden Schulen in den Kirchenkreisen An Sieg und Rhein, Bad Godesberg-Voreifel und Bonn.

von Dr. Uta Garbisch, Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Ev. Kirchenkreis Bad Godesberg-Voreifel